Aktuell - 14.08.2009 - Haters und erfreuliches

Ferienstimmung. Ich nutzte die Zeit unter anderem um alleine durch die Landschaft zu streifen, versuchte mich hie und da auch im schreiben. Allerdings kam nicht viel brauchbares dabei heraus:

Ratschlag an den kleinen
Wandervogel:

Wenn das Gras beim Unkenbaum
rundherum ist dunkelbraun,
spritzt in Hülle es und Fülle,
liegt das wahrscheinlich an derGülle.
Diese Stelle, kleiner Wandrer,
sollst du meiden, bei den Tannen,
gibt's noch einen zweiten Weg,
doch wenn am Schuh schon Scheisseklebt,
kannst getrost du hier passieren,
weiter kann dir nichts passieren.

Tja... Ein zweiter Hesse ging da wohl nicht an mir verloren. Und was gibt es aus musikalischer Sicht neues? Mein letztes reguläres Konzert mit meinem „Asphalt“-Programm wurde leider abgesagt. Es hätte heute im Rahmen des conchez connection Soli-Konzert stattfinden sollen. Hier und da wird jetzt natürlich spekuliert, wieso das Konzert abgesagt wurde und wie üblich in unserer kleinen Welt wo es von Skandalen und Verschwörungen nur so wimmelt, wird auch gerne spektakuliert (Tolles Wort! Falls es das nicht schon gibt, melde ich somit meinen Urheberanspruch darauf an!!). Ganz toll finde ich den Kommentar in meinem lieblings Diskussionsforum. Dort meint eine anonyme PappnasIn, dass die Version mit der „gesundheitlichen Beeinträchtigung in unseren Reihen“, wie die conchez connection schreibt, wenig glaubwürdig sei und es wohl vielmehr an den übertriebenen Gagenforderungen von Chaoze One liege. Der habe im übrigen auch „wenig fantasie oder hält sich für den oberhengst, aber musik von solchen leuten wollen wir eh nicht hören“ (sic), weil er ja auch sein eigenes Gesicht auf seinen Plattencovers abbildet.

Nun bin ich zuerst mal ja selber von der conchez connection und daher in der Lage, zu beurteilen, weshalb das Konzert abgesagt wurde. An dieser Stelle der betreffenden Person einfach mal gute Besserung und nochmals eine Entschuldigung an alle anderen betroffenen, insbesondere an Chaoze, Lotta und Callya. Diese Leute schätze ich übrigens sehr, sowohl für ihr lyrisches und musikalisches Talent, als FreundInnen, wie auch in ihrer Eigenschaft als politisch, beziehungsweise sozial denkende Individuen. Ich kenne auch deren Gagenforderungen und bin denen als Veranstalter auch schon nachgekommen, ich weiss insbesondere bei Chaoze und Lotta auch, welcher Teil davon fürs Benzin draufgeht, welcher Teil in einen Soli-Fonds fliesst und welcher Teil schlussendlich sie selber kassieren. Schlussendlich ist noch anzumerken, dass wir von Seiten der conchez connection nicht sooo blöd sind, dass wir erst vier Tage vor einem Konzert merken würden, ob wir einer Gagenforderung nachkommen können oder nicht.

Nun ja. Chaoze One, der Bösewicht und Vorzeige-Kapitalist, wird ja immer wieder kritisiert, vorzugsweise im Internet. Mal geht es um seinen Anzug, mal um seine Liebeslieder, mal um die Gestaltung seiner Plattencover, die ja ausschliesslich sein niedliches Gesicht zieren, dann geht es wieder darum wie Sell-Out er ist und dass Lotta C jetzt auch noch dabei ist, ist natürlich sexistisch. Zuweilen nehmen diese Anschuldigungen auch wahrhaft gigantische Ausmasse an, neulich wurde er übrigens heftigst angegriffen, weil er an einem Konzert 3'000 Euro Gage verlangt hat und danach nicht mal das Essen fein fand. Da kann man dann echt nur noch den Kopf schütteln. Allerdings nicht über Chaoze, sondern über die Phantasie mancher Hater, die sich ausmalen, was mit ihren zehn Franken Eintritt im AJZ für enorme Gagen ausbezahlt werden...



Manch eineR wird sich jetzt denken: „naja, irgendwas wird der olle Chaoze ja schon verbrochen haben, schonst hätte er ja nicht so viele Hater!“. Da kommt mir wieder folgende Story in Sinn:

Mephisto und meine Wenigkeit, nach wie vor besser bekannt als Direct Raption, sassen an einem lauschigen Abend in der Reitschule zu Bern, genossen ein kühles Blondes und die revolutionäre Stimmung in der Hauptstadt. Wir besprachen wahrscheinlich grad unsere Studiopläne für die Jahre 2006 bis 20012, denn das nächste Album soll der Hammer werden, und debattierten darüber, wie kreativ die Linie „mängisch fühle mer üs as Anarchos im Hip Hop / echli fähl am Platz we met Azog in Flip Flops“ sei. Als wir im äussersten Winkel unseres Blickfeldes einen jungen Herren erblicken, der auf sein Auto zugeht, springen wir sofort auf. Das ist doch der Typ der da eben noch ein Bierchen genoss, im Sous Le Pont! Und nun alkoholisiert ans Steuer? Niemals! Unserer gesellschaftlichen Verantwortung und unserer Vorbildfunktion als Rapper bewusst, eilen wir sofort zum Deliquenten, der mittlerweile in seinem Gefährt thront, dazu bereit, die mehrere tausend Kilo schwere Mordwaffe durch Berns Strassen zu lenken. Mit der ganzen Bestimmtheit unseres Strassenjargon in der Stimme, fordern wir den Raubauken also auf, wieder auszusteigen und gefälligst den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Natürlich fackeln wir nicht lange, als er unserer moralischen Überlegenheit keinen Respekt zollt und dem Befehl offensichtlich nicht Folge zu leisten gewillt ist. Mephisto löst also die Sicherheitsgurte dieses Sau-Lümmels während ich den Bauch meiner erst halb ausgetrunkenen Bierflasche abschlage und sie zur Verstärkung der bereits vorgebrachten Argumente, in rhythmischen vor- und zurück-Bewegungen drohend durch die Luft vor dem Gesicht des Strassenrowdys schwenke. So zerrten wir den Glünggi also aus seinem Gefährt, traten dem Balkanraser noch ein-, zweimal heftig ins Gesicht und der Gerechtigkeit war wieder Genüge getan.

Ist das nicht eine tolle Geschichte? Sie wurde mir - zugegebener Massen nicht ganz so ausgeschmückt, aber ich mag nun mal Märchen – an einem Abend im LaKuZ erzählt und hat nur den einen Hacken, dass jedes einzelne Detail daran erfunden ist. Bis darauf, dass wir die Reithalle mögen. Ich weiss nicht wer sich für die Story verantwortlich zeichnet und das ist wohl auch besser so. Die nette Person, die mir die Geschichte erzählt hat, fügte an, sie habe das so nicht glauben können, daher wollte sie mich erst fragen und wenn es dann aber doch stimmen würde, dann fände sie also wirklich... und eben.

Wieso erzähle ich das eigentlich hier? Vielleicht um mal wieder in Erinnerung zu rufen, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was man so liest und hört? Oder um darauf aufmerksam zu machen, dass auch in der alternativsten Szene die gleichen ober peinlichen Klatsch- und Pop-Mechanismen greifen wie im Kommerz? Dass einem gerne Geschichten angedichtet werden, wenn man nur den kleinsten Bissen Erfolg hat? Will ich darauf hinaus, dass es in der radikalen Linken einfach nicht gerne gesehen wird, wenn jemensch seinen Weg nicht im Namen eines anonymen Kollektivs geht sondern mit Namen und Gesicht dahinter steht, dass dem dann oft mit Missgunst und Selbstinszenierungsvorwürfen begegnet wird, die aber selten konkret ausgesprochen werden und stattdessen sehr fragwürdige und hinterlistige, feige Methoden zum Zug kommen? Will ich andeuten, dass in diesen Kreisen Selbstverwirklichung nach der ewigen Gleichmachung sogar verpönt sein könnte? Wer weiss. Der Boden für Gerüchte ist also wiederum bestellt.

Muss ich hier wirklich schreiben, dass Chaoze One nicht mal in seinen kühnsten Träumen 3'000 Euro Gagen kriegt? Muss ich mich wirklich dafür rechtfertigen, dass Direct Raption jetzt Kommerz vorgeworfen wird, während mein Telefon ausgeschaltet ist und ich am überlegen bin, wie ich meine nächste Miete (ich Spiesser!) bezahlen kann? Muss ich erklären, wieso wir einen sauberen und ruhigen Schlafplatz nicht für Starallüren halten und weshalb die Lust an dem Abenteuer, auf Isomatten in einer Ecken der Bühne zu pennen, nach über hundert Konzerten etwas verflogen ist?

Und müssten wir uns rechtfertigen, wenn wir nach Jahrelangem Einsatz tatsächlich mal bei einem gut betuchten Veranstalter eine hohe Gage abstauben könnten, um am nächsten Wochenende wieder ein Soli-Konzert zu spielen? Besagte PappnasIn in meinem lieblings Diskussionsforum, selbsternannteR SprecherIn einer anonymen Gruppe von Chaoze One HasserInnen, fordert diesen dazu auf, zu Hause zu bleiben, weil „wir“ seine Musik nicht hören wollen. Die Mühe auf sich zu nehmen und Pappe dazu aufzufordern in der Papiersammlung zu bleiben, weil da niemensch und niepappe dazu gezwungen wird Musik zu hören, die er, sie oder es nicht mag, macht wohl wenig Sinn. So wenig wie auf YouTube jeden Kommentar zu meinem Video zu beantworten oder auf Indymedia mit all den Mafaldas dieser Welt einzulassen. Stattdessen nutze ich diese bescheidene Seite im Netz mal lieber wieder dafür, der überwiegenden Mehrheit der Leute in meinem Umfeld zu danken, dafür dass sie ermöglichen was ich tue und es dadurch unterstützen, dass sie es mögen oder konstruktiv damit umgehen, falls das nicht zutrifft. Ich danke all denen, die Kritik ehrlich und im direkten Gespräch anbringen, die sich nicht hinter ihrem anonymen Modem zu verstecken brauchen. Ich danken natürlich besonders den Leuten, die für mich Beats machen, die diese Seiten hier programmiert haben, die mir beim ganzen administrativen Scheiss mit Booking und so Quatsch helfen, die mir im Studio zur Hand gehen, die Konzerte mit mir, oder solche die ich gerne besuche organisieren, den Leuten die dort mischen, wischen oder tischen (ach wie originell...), allen Leuten, die sich für meinen Sound den Arsch aufreissen und selber überhaupt nichts davon haben, ausser halt eben Sound, den ihnen hoffentlich gefällt, den Leuten die meine CD kaufen oder auch runter laden, die dann ans Konzert kommen und bouncen oder lieber in der Ecke stehen und gut zuhören. Ich danke allen, die zu mir kommen und sagen „hey Oli, was meinst du mit dieser einen Stelle in diesem Lied? Weisst du da, in der zweiten Strophe, die dritte Zeile, das verstehe ich nicht ganz, diesen Vergleich oder dieses Wortspiel...“, allen die sagen „derber Flow“ oder „wacker Style“ und danke auch an jene, die meine Musik die absolute Scheisse finden und trotzdem mit mir abhängen können, weil ich ja auch irgendwo noch ein Mensch bin, nicht nur ein Rapper. Ach ja, danke auch an die Leute, denen es egal ist, ob ich im schwarzen Kapuzenpulli, in weissen Baggys oder im Anzug daher komme. Denn ich gebe es zu, ich bin noch nicht ganz so abgebrüht, dass mir das Gehate nichts mehr anhaben würde. Aber all diese Leute zeigen mir doch, wie nebensächlich und nicht beachtenswert es ist. Über euch zu schreiben lohnt sich tausend Mal mehr! In diesem Sinne, sorry, dass ich eure Zeit mit diesem Geschreibsel oben vergeudet habe.

Es gibt nämlich auch noch berichtenswerteres! Gestern hatte ich die Ehre ein Kurzinterview mit T.O.K. zu führen. Diese vier Herren machten in Vergangenheit ausserhalb der Reggae- und Dancehallszene vorallem dadurch auf sich aufmerksam, dass sie sich zum Beispiel in ihrem Welthit „Chi Chi Man“ ziemlich explizit über Homosexualität äussern und dabei auch nicht mit verherrlichenden Wortbilder sparen. Nachdem sie sich vor zwei Jahren noch weigerten, den Reggae Compission Act zu unterzeichnen, taten sie dies gestern mit Freuden und baten auch darum: „spread this all over the world!“ Und das tun wir doch ebenfalls mit Freuden! T.O.K. werden künftig auf gewaltverherrlichende und diskriminierende Texte verzichten. Einen ausführlichen Bericht zu diesem Thema hört ihr in der nächsten conchez radio Sendung am 25.08 um 22.00 Uhr auf Kanal K.

Und jetzt machen wir einen thematischen Quantensprung und kommen von T.O.K. direkt wieder zu mir zurück. Mich gibt es am 4. September im Rahmen des Basler Kleinkunstfestivals „Basel Lebt!“ nochmals Live, bevor ich dann in der Versenkung verschwinde. Mehr Infos dazu bald in der Agenda. Und jetzt endgültig Schluss.

Ach nein, eines ist ja noch: Nach über sechs Monaten im Roboclip Voting ist mein Clip aus der Auswahl von SF2 wieder raus geflogen. Vielen Dank an alle, die in dieser Zeit für mich geklickt haben...

Liebe und Wahnsinn

Oli Second

14.08.2009