5 Clicks für Oli Second!

Aktuell - 29.05.2009 - Welche Kriese?

Der Anarchist hat immer dann eine Sinneskriese, wenn es richtig übel wird. Also ich meine nicht dann, wenn es da draussen übel ist, dann freut sich nämlich der Anarchist (genau so wie die Anarchistin, im übrigen) und sagt: ″Ich habe es schon immer gesagt ″. Das sagt er in der heutigen Zeit (die nun schon ein paar hundert Jahre andauert) tatsächlich immer, denn es ist übel da draussen und wird es wohl auch bleiben, so übel, dass die einzige Genugtuung der Anarchistin (wie im übrigen auch des Anarchisten) darin besteht, immer zu sagen: ″Das habe ich schon immer gesagt″. Die Sinneskriese steht aber dann an, wenn es parlamentarisch übel wird, sprich wenn an der Urne über Dinge abgestimmt wird, die auch den hartgesottensten Anarcho nicht kalt lassen. Die Gleichstellung der Frau. Die Ehe für Homosexuelle. Die Abschaffung des Asylrechts. Der Wegweisungsartikel. Bleibt man prinzipientreu der Urne fern, oder überwindet man sich und legt ein adäquates ″fuck you″ in Form eines ″ja″ oder″nein″ ein?

Vom Zuhausebleiben halte ich schon mal prinzipiell gar nichts. Wenn 40 Prozent Stimmbeteiligung als hoch angesehen werden, ist das Signal, welches durch das Fernbleiben der Urne gezeigt wird in etwa so stark, wie jenes eines Warnlämpchens auf einer LED-Test-Installation. Wenn schon, sollten Abstimmungen und Wahlen aktiv boykottiert werden, die Stimmzettel also leer in der Urne landen. So oder so. Wenn ich dann mit meinem neuen Biometrischen Reisepass geortet werde, meine Fingerabdrücke zentral gespeichert und ich per Nummer eindeutig identifiziert bin, wenn meine Daten als einziges Allgemeingut anerkannt und herumgereicht werden und wenn ich dann fünftausenfünfhundertundvier Anarchos erwische, die letztes Wochenende nicht abgestimmt haben, dann verklopf ich die alle. Schwöre.

Egal. Ich beschäftige mich momentan vorzugsweise mit anderen Dingen als Politik. So hab ich zum Beispiel mal wieder meine Platten sortiert. Was die eine oder den anderen vielleicht erstaunt: Ich habe nur etwa 130 Hip Hop Platten im Regal. Der Rest, etwa doppelt soviel, setzt sich aus den Generes Rock (von Hard-Rock über Rock'n'Roll via Schnäbi-Rock zum Hippie-Rock), Jazz, Blues, Punk, Folk, Lieder, Soul, Reggea und Boogie Woogie zusammen. Und da ist mir ein Cover in die Hände gefallen, welches ich euch nicht vorenthalten möchte: ″Crisis? What Crisis? ″ ist der Titel der 1975er LP von Supertramp.

Supertramp - Crisis? What Crisis? Zwischenbemerkung: Nein, damals lebte ich noch nicht; Ja, die meisten meiner Platten sind älter als ich; Nein, ich mag die Musik wirklich und schlussendlich: Platten, auch Schallplatten genannt, waren der Vorläufer der CD, meist schwarz, aus Vinyl, 7, 10 oder 12 Zoll im Durchmesser und ein so genannter analoger Datenspeicher. Wicked, nicht? ANALOG!

Ihr mögt nun denken, dass ihr Supertramp nicht kennt, aber ihr kennt sie garantiert. Ihr kennt vielleicht Lieder von diesem Album, und ihr kennt vor allem auch Stücke wie ″The Logical Song ″, ″Breakfast in America ″ oder ″It's Raining Again ″. Nun, Supertramp sind eine Pop-Band und die Texte auf ihrem Album ″Crisis? What Crisis? ″, drehen sich daher auch um die Liebe ( ″I′m Dr. Jekyll, I′m Mr. Hyde, So If You Want To Stay Alive, Just Give Me All You′ve Got To Give, And Then Perhaps I Let You Live″), oder im tristesten Falle noch um poppige Melancholie (″Woke Up Cryin′ With The Break Of Dawn, I Looked Out At The Sky″), doch es geht hier ja auch nicht um eine Albumbesprechung oder darum, die Quintessenz der Botschaft von Supertramp zu entdecken. Es geht ums Cover und das könnte soeben ein gestern erschienenes Album zieren. Ein kühles Mixgetränk, ein gelber Sonnenschirm und im Hintergrund geht die Welt vor die Hunde. Passend.

Was hat das alles mit mir zu tun? Nicht viel. Und doch: Crisis? What Crsisis, könnte auch ich sagen, denn mir geht es eigentlich gut. Trotz biometrischer Pässe, Wegweisungen, Räumungen, Wirtschaftskrise, Schweinegrippe und so weiter und so fort. Und für die, die sich weniger für mich interessieren (was ich ehrlich gesagt ganz gut nachvollziehen kann) und dafür mehr für grössere Zusammenhänge: Auch den meisten Leuten die ich kenne geht es so gut oder besser als vor zwei Jahren. Kriese? Nicht die Spur. Zummindest nicht unsere Kriese. Wir haben keine Millionen zu verlieren, höchstens unser Lächeln und das ist zwar wertvoller, aber auch nicht so leicht zu vernichtend wie Budgets.

Im Kontext der Frage ″Welche Kriese?″ stelle ich aber auch ernüchtert fest, dass ich die Welt offenbar in den nächsten Jahren nicht retten werde, zumindest nicht musikalisch. Was hinert mich also daran, in nächster Zeit etwas kürzer zu treten? Konkret stehen noch ein paar Termine in der Agenda, anschliessend werde ich ab September vorläufig keine Konzerte mehr geben.

Nein, das heisst nicht, dass ich nun ein Spiesser geworden bin. Ok, ich bin auf dem besten Weg dazu, aber ich bin es noch nicht vollends. Doch nachdem ich in den letzten vier Jahren nicht viel mehr gemacht habe, als Konzerte zu spielen und zu organisieren, setze ich meine Prioritäten künftig etwas anders. Das bedeutet im konkreten Fall, das ich Samstags arbeiten werde und somit gar keine Zeit mehr habe, auf irgend welchen Bühnen rum zu turnen. Daneben habe mal wieder neue musikalische Projekte am laufen, die noch lange nicht soweit sind, dass sie auf einer Bühne stattfinden können oder wollen. So wird also wohl in diesem Sommer noch das Asphalt-Abschluss-Konzert über die Bühne gehen, bevor ihr für ein zwei Jahreszeiten Ruhe vor mir haben werdet. Ob und wie es danach weiter gehen wird, steht zur Zeit noch in den Sternen und da die bekanntlich schwarz-rot sind, kann alles passieren.

Das soll euch nicht daran hindern, mich noch für alle möglichen und unmöglichen Auftritte anzufragen. Sind ja noch ein paar Tage bis dahin.

In diesem Sinne

Liebe und Wahnsinn

Oli

5 Clicks für Oli Second!

19.05.2009