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Aktuell - 01.04.2009 - Wir sind alle Opfer!

Neulich an einem x-beliebigen Treffpunkt, von x-beliebigen Jugendlichen, einer x-beliebigen Nationalität: Ein paar Jungs spielen Basketball, ein paar Mädchen sehen zu, ein paar andere Jungs liefern sich ein Battle im Tanzen. Das tun sie im Übrigen zu House-, nicht zu Hip Hop-Beats, doch das ist ein gänzlich anderes Thema und tut hier nichts zur Sache. Eine fast schon idyllische Szene also, denn all diese Kids sind aktiv. Kein Alkohol, keine Joints, kein gar nichts. Auch dass dies wohl daran liegt, dass an jedem Ecken sowas wie ein Jugendarbeiter steht, ist ein anderes Thema und tut hier nichts zur Sache. Denn was zur Sache tut, ist der Umstand dass sich ein einzelner Jugendlicher aus der Idylle löst, zu einer dieser jugendarbeiterähnlichen Personen geht und – seine Freundin meinend – fragt: „Hast du meine Bitch gesehen?“.

Ich horche bei solchen Sätzen immer noch kurz auf. Ich horche auf, ich denke mir meinen Teil, doch jedes Mal darüber diskutieren zu wollen, habe ich längst aufgegeben. Denn am x-beliebigen Treffpunkt, der x-beliebigen Jugendlichen, einer x-beliebigen Nationalität, also gleich bei dir um die Ecke, ist dieser Sprachgebrauch Gang und Gäbe. Jetzt darf man sich natürlich fragen, woher das denn das kommt. Und da scheiden sich bekanntlich die Geister.

[Intermezzo]: Ich für meinen Teil bin mir ziemlich sicher, dass ich im zarten Alter von 12 Jahren noch nicht wusste was eine Bitch ist. Ich wusste zwar was eine Schlampe ist – und ja, mit 12 Jahren und meinem damaligen Gender-Verständnis sprach ich wohl auch noch von und über die Dorfschlampe – doch Frauen pauschal als Schlampen zu bezeichnen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Schon gar nicht meine eigene Freundin! Ich bin kein früherwardochallesbesser-Typ. Aber …. [Ende Intermezzo]

Da dieser Sprachgebrauch nach meiner Erfahrung nicht, oder zumindest nicht ausschliesslich, milieuspezifisch ist, scheiden schon mal eine ganze Reihe von Ursachen aus. Dies ist aber auch keine Fachseite für Soziologinnen, also gehen wir flugs zum für uns relevanten heissen Eisen: Zum Medienkonsum. Genauer: Natürlich zum Hip Hop.

Betreffende Jugendliche hörten in diesem Moment House. Ok. Allerdings hat House keine Lyrics, läuft nicht auf MTV und ist nicht seit Jahren die Jugendkultur mit dem meisten Einfluss auf die heranwachsende Generation. Und erlaubt mir die Bemerkung: Es wird wohl niemand abstreiten, dass „Bitch“ ein ziemlich Hip Hop typisches Wort ist. Ein Punk würde vielleicht von einer „Fotze“ reden, aber wohl kaum von einer „Bitch“. Detail.
Nun also, die Fronten sind wohl klar: Wir haben hier die „Rap spielgelt nur die Gesellschaft in der der Rapper lebt“-Fraktion und auf der anderen Seite die „Rap hat einen (negativen) Einfluss auf unsere Jugend“-Jungs. Wie so oft liegt die imaginäre Wahrheit wohl irgendwo dazwischen. Würden die Rapper ohne Einfluss ihrer Umwelt auf diesen Wortschatz zurückgreifen, wäre es doch sehr erstaunlich, dass sich ihr Fundus an Kraftausdrücken oft ähnelt, wie ein Spermium dem anderen. Wäre aber alleine die erste These richtig, nämlich dass Rapper einfach so sprechen wie ihr Umfeld und deren Sprachgebrauch nicht auch auf dieses zurückfällt, verlöre das Thema jede Relevanz für diese Seite. Noch mehr Details. Kommen wir also wie die Allschwil Posse zum Punkt (wo’s funkt) und zum Grund dafür, dass ich hier überhaupt über die Ausdrucksweise unserer Jugend schreibe.

Wie so viele habe auch ich mir die schöne Bezeichnung „Conscious-Rap“ auf die metaphorische Flagge getagt und darunter können sich jetzt erstmals alle gar nichts vorstellen, die weder besonders bewandert in der Hipstery sind, noch fliessend englisch sprechen. Und – das darf an dieser Stelle mal erwähnt sein – so wenig wie das zweite ist auch das erste eine Schande: Also keine. Hier daher ein bisschen Knowlege für lau: Conscious heisst „bewusst“, somit ist hier von „bewusstem Rap“ oder „Rap mit Bewusstsein“ die Rede, wobei es natürlich absoluter Blödsinn ist, von „Rap mit Bewusstsein“ zu schreiben – denn Rap hat in etwa soviel Bewusstsein wie eine Blumenvase IQ – wenn, dann haben die Protagonistinnen welche ihn verfassen eines und davon sollte Conscious-Rap im Endeffekt auch wieder handeln, damit eben von solchem gesprochen wird. Hier die klar formulierte Aussage, damit auch alle diejenigen verstehen was gemeint ist, die keine Zeit haben, diesen Satz dreimal zu lesen: Conscious-Rap handelt von Inhalten, mit denen sich die Verfasserin bewusst auseinander setzt. Soweit der Konsens.

Nun würde ich persönlich noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Da Rap auch ein sprachliches Kunstwerk ist und Sprache durchaus auch bewusstseinsbildend wirken kann, sollte sich wer conscious rappt auch mit (seiner) Sprache auseinandersetzen. Und das wird interessant, denn hier hört entweder der Konsens auf, wie im Mittelalter die Erde, oder wir Conscious-Rapper kommen zu völlig unterschiedlichen Schlüssen.

[Intermezzo 2]: Ich bekenne mich hiermit dazu, auf dem CollieYuga – Mixtape „Muetterfegger“ gesagt zu haben. [InterIntermezzo]: Liebe und Wahnsinn an dieser Stelle in die indischen Berge. [Ende InterIntermezzo] Das tut mir aber nicht leid, denn wer diesen Track nicht in das Direct Raption – Gesammtwerk einzuordnen weiss, soll unsere Musik nicht hören. [Ende Intermezzo 2]

Gut also … die Auseinandersetzung mit der Sprache. Darf man das Wort Bitch benutzen? Ich meine: Darf man einer Bitch Bitch sagen? Ups, huscht da gerade ein Entsetzen durch den Raum? Hat Oli Second grad implizit geschrieben, dass es Bitches gäbe? Ja, hat er! Denn erstens, erkennt die Rechtschreibeüberprüfung meines Programmes das Wort nicht als falsch, somit ist es offenbar im Mainstream des deutschen Sprachgebrauches angelangt und zweitens ist es offensichtlich, dass es die Bitch als MARKETINGKONZEPT sehr wohl gibt. Die Frage scheint mir also berechtigt. Darf man einer Bitch Bitch sagen? Zuviel Sprengstoff, für einen einzelnen harmlosen Satz? Gut, dann anders: Darf man die Zustände in der industriellen Tierhaltung mit den Bedingungen im KZ vergleichen? Darf man überhaupt NS-Vergleiche machen? Nein? Darf man dann noch von einem „KZ für Träume“ sprechen? Ja? Weil es metaphorisch ist? Darf man dann auch im Negativkontext etwas als „behindert“ bezeichnen? Ist ja auch eine Metapher und dass einen eine Behinderung behindert ist ja dann wohl wieder Konsens, oder?

Item. Nun scheint mir zurzeit eine Entwicklung im Gang zu sein, die ich prinzipiell mal positiv bewerte: Sowohl Gangster- wie auch Conscious-Rap werden langsam inhaltlich langweilig. Die Grenzen bröckeln und die Stile finden wieder vermehrt zusammen. Immer öfters trumpfen auch im deutschsprachigen Raum wieder Strassenrapper mit Inhalten auf, gleichzeitig nähern sich typische Conscious-Rapper im Sprachgebrauch ihrem (dadurch erweiterten) Zielpublikum an. So kann ein Gansta sich öfter auch mit Holger Burner anfreunden, der Backpacker auch mit Azad. Cool, oder?

Ja, ABER: Wie weit passiert das auf der Seite von uns Müsli-Rapperinnen, auf Kosten der consciousness?

Neues Beispiel, neues Glück und somit bin ich endlich, wo ich mit diesem Text eigentlich hinwollte. Rap hat mal wieder ein Trendwort: Opfer. Und auf langen Umwegen, ist dieses schliesslich – relativ unreflektiert, wie es scheint – auch bei den Müslis angekommen. Wer gedisst werden soll, ist ein Opfer. Wieso, spielt dabei eine allerhöchstens zweitrangige Rolle, denn ob jetzt jemand ein Hurensohn, eine Schwuchtel oder ein Opfer ist, scheint nicht zu interessieren. Die Attribute sind nach Belieben austausch- und ersetzbar. Beim (nicht gefreestyleten) Battle-Rap, ist sowieso meist nicht ganz klar, gegen wen die Hasstriaden grad abgefeuert werden. Beim Conscious-Rap sind es dann halt wahlweisse Bullen, Yuppies, Toys, Nazis, oder …, die grad als Opfer bezeichnet werden. Und das finde ich nun wirklich ziemlich interessant. Ziemlich interessant und ziemlich bedenklich.

Ist die Frage gestattet: Ein Opfer wovon ? Von wem?? Und wer ist denn kein Opfer? Ist der Bulle nicht Täter? Und wenn er Opfer ist, dann nicht von Umständen, Dogmen, Werten, Systematiken und ähnlichem, denen ich genau so zum Opfer falle?

Relevanter: Wenn „Opfer“ also ein Diss ist, es also uncool ist, das Opfer zu sein (stell ich hiermit nicht in Frage…), ist es dann handkehrum auch cool der Täter zu sein? Diese Mentalität mag zum Gangsta-Rap passen. Zu mir passt sie nicht. Und somit auch nicht in die Texte, die ich mir anhöre.

Wenn ich nun MCs, die dieses Wort verwenden vorwerfe, dass sie der gesamtgesellschaftlich oft praktizierten „Solidarisierung nach Oben“ erliegen, mag dies der einen oder dem anderen etwas gar weit am Irokesen herbei gezogen sein. Fakt ist: Die Solidarisierung nach „oben“ ist leider gängiger als die nach „unten“. Fragen wir das Schweizer Stimmvieh. … äääähhhh … volk natürlich:

Die Initiative „Ja zu fairen Mieten“, die erhebliche Vorteile für Mieterinnen gebracht hätte, wurde am 8. Februar 2004 mit 64.1 % abgelehnt. Ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung lebt aber in Mietwohnungen. Ist alleine die tägliche Propagandagehirnwäsche dafür verantwortlich? Oder denken Herr und Frau Schweizer einfach lieber daran, dass sie Einestages auch ein Haus besitzen könnten, als daran, dass sie den Rest ihres Lebens Miete bezahlen werden? Soziologische Studien beweisen, dass das zweite zumindest auch zutrifft. Nach der Befragung eines repräsentativen Haufens (was auch immer repräsentativ ist...) schien klar: Wir neigen dazu uns und die Gesellschaft bezüglich Wohlstand etwas falsch einzuschätzen. Denn erstens denken wir, dass es dem Durchschnitt schlechter gehe, als es tatsächlich der Fall ist und zweitens, meinen wir gleichzeitig, dass wir selber im Verhältnis zum Durchschnitt finanziell besser dastehen, als wir es tatsächlich tun. Oder einfacher ausgedrückt: Was unseren Wohlstand angeht unterschätzen wir den Rest und Überschätzen uns selber. Wir denken somit, dass unser durch Besitz mitgebestimmter Status höher ist, als es tatsächlich zutrifft. Noch einfacher formuliert: Der Rest findet uns nicht sooo toll, wie wir denken beziehungsweise eben: Wir sind alle mehr Opfer als wir meinen. Ich werde die Quelle dieser Studie hier nicht nennen, weil ich sie grad nicht zur Hand habe. Wer es mir nicht glaubt soll einfach Soziologie studieren… (was ich selber natürlich NICHT getan habe).

Anderes Beispiel, andere Abstimmung, fünf Jahre später: Am 8. Februar 2009 nehmen ganze 77.9 % der abstimmenden Luzerner ein Gesetz an, welches die Grundrechte eben mal so kurz aussetzt. Die Rede ist vom so genannten Wegweisungsartikel. Jetzt wage ich mal zu behaupten: Das Problem ist nicht, dass es nicht gelang, auf die Gefahren der Vorlage aufmerksam zu machen, vielmehr liegt der Hund hier begraben: Die Mehrheit hat keine Angst vor einem Polizeistaat, weil sie nicht glauben, dass es sie selber treffen könnte. Sprich: „Was stört mich staatliche Willkür, wenn sich diese nicht gegen mich richtet?“. Ist nun also verständlich, was ich mit „Solidarisierung nach oben“ meine?

Nun, wie ihr vielleicht bemerkt habt, bin ich da irgendwie mehr so oldschool: Prinzipiell bin ich der Meinung, dass Gesetze die Schwächeren vor den Stärkeren schützen sollen, solidarisiere mich eher mit Opfern als mit Täterinnen, gehe sogar so weit, dass cih darauf achte, dass möglichst wenige und weniges meinem eigenen Handeln zum Opfer fällt und ja… ich gebe es zu: Ich bin halt kein harter Junge, ich bin kein Gangster, verbringe meine Freizeit nicht auf der Strasse… ich zitiere sogar soziologische Studien. Und deshalb bezeichne ich niemanden als Opfer.

Weshalb ich das hier lang und breit darlege? Naja… Die Rubrik hier heisst nun mal „Aktuell“ und das ist, was mich aktuell gerade beschäftigte. Musst ja den Scheiss nicht lesen, oder… Du Opfer! Ist eigentlich sowieso nicht nötig, denn Gedanken kann, darf und soll sich ja jede selber machen. Also hopp hopp, denke mal nach und wenn du damit grad eine Pause machst, dann geh Voten!

Liebe und Wahnsinn

Oli

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01.04.2009