Aktuell - 29.12.2008 - Jahresrückblick

Sodelli, nun ist also auch das Jahr 2008 so gut wie überlebt und manch eine setzt sich gemütlich unter den verkohlten Weihnachtsbaum und gedenkt der glorreichen Taten, die sie in den letzten zwölf Monaten vollbracht hat. Auch ich wäre durchaus dazu geneigt, nur hab ich erstens keinen Weihnachtsbaum, zweitens beschränken sich meine glorreichen Taten aufs Licht löschen, wenn ich das Haus verlasse und drittens, ist es verdammt nochmal Winter und ich verwende meine ganze Energie dazu, einigermassen gut gelaunt zu scheinen. Dass ich mittlerweile auch den ganzen Martinivorrat des Bahnhofs-Coop aufgekauft und getrunken habe, ist dem Jahresrückblickvorhaben auch nicht unbedingt zuträglich, denn immerhin ist leichte Trunkenheit doch ein absolutes Musthave, will man verklärt in die Vergangenheit gucken.
Nun denn, trotzdem ein Versuch:

Zweitausendundacht war eigentlich genau so bekloppt wie jedes andere Jahr auch. Glaubt ihr nicht? Dann schauen wir doch mal, was 2007 so top aktuell war: Miliardenabschreiber bei der UBS, Abwahl von Christoph Blocher, und DJ Ötzi war auf Platz eins der Jahreshitparade.
2008 steht dem im nichts nach: Milliardenabschreiber bei der UBS, Wahl von Ueli Maurer und der selbe Song von DJ Ötzi, der im übrigen den Titel „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ heisst, ist mittlerweile auf Platz 8 der Jahreshitparade. Und an dieser Stelle möchte ich einfach mal festhalten, dass eine Gesellschaft, in der eine Single von DJ Ötzi zwei Jahre lang unter den zehn meistverkauften Tracks ist, naja... Also diese Gesellschaft sollte sich vielleicht mal einfach an einen grossen, runden Tisch sitzen und sich ernsthaft Gedanken machen. Dabei könnte so das Eine oder Andere zur Sprache kommen, und vielleicht... lassen wir das.

Also was bleibt nun wirklich in Erinnerung vom Jahr 2008? Ich meine Wirtschaftskrise, Fussballeuropameisterschaft, Schüsse auf Massiv und die Autos von Rechtsaussen-Politikern, die sich gegen ihre Fahrer verschworen haben... Das ist ja alles ganz ok, aber, wenn wir auf der Suche nach dem absoluten Repräsentant, quasi einem Synonym für das Jahr 2008 sind, was könnte da taugen? Ich will es euch gerne sagen:
Für mich gibt es einen Trend, der das vergangene Jahr charakterisiert wie kein Ereignis, kein Brauch und keine Person. Ihr werdet es längst erraten haben, ich spreche von der Unsitte, sich die Namen seiner Kinder auf beliebige Körperteile zu tätowieren.

Nachdem es sich nun langsam auch in der hintersten und letzten Hafenkneipe (gibt es das noch?) herumgesprochen hat, dass es relativ heikel ist, sich die Namen all seiner Geliebten auf den Oberarm zu tätowieren, da Arme oft kurz, Liebesleben aber manchmal lang und ausschweifend sind, suchen sich romantisch veranlagte Ers und Sies, nun andere Objekte, denen sie ihre ewige Liebe und Treue durch ein paar unter die Haut gespritzte Tintentropfen beweisen können. So kommt der Säugling, der ja eigentlich Säugling heisst, weil er ursprünglich nichts weiter zu tun hatte ausser zu saugen nun also neuerdings schon mit einem ganzen Bündel von Aufgaben, Verpflichtungen und zu erfüllenden Erwartungen zur Welt. Wie mancher Embryo leidet schon darunter, dass er die Beziehung seiner zerstrittenen Eltern retten soll? Und der nicht gerade bescheidene Anspruch der CVP, die ungeborene Generation solle die AHV retten und uns vor der Überalterung der Gesellschaft bewahren, ist ja auch nicht viel leichter zu tragen, als was Atlas so durch die Gegend schleppte. Nun müssen sie aber auch noch dazu her halten, mittels ihrem Namen Papas ganzer Männlichkeit ein Ventil zu bieten und Mamas Frust darüber, dass es keinen Namen eines muskulösen und doch sensiblen Kerls gibt, der da stehen könnte, dadurch zu lindern, dass sie bei jeder Gelegenheit den Schriftzug in ihrer Achselhöhle oder wo auch immer, vorführen kann und allen, die es nicht hören wollen, erzählen darf, wie sehr ihr Kind ihr ein und alles und überhaupt und blabli blabla blablo und so.
Kurze Zwischenfrage: "... In den Herzen wird's warm, still schweigt Kummer und Harn, ...?. Wer hat diesen Schwachsinn eigentlich geschrieben? Musste der oder die in der Weihnachtszeit nie pissen? Ich meine, ist doch schon genug anstrengend, diese Zeit, aber dann noch ohne Toilettengang? Nicht auszuhalten!
Naja nun aber back to Topic, wie man so schön sagt, zumindest seit „man“ den ganzen Tag im Internet „herum surft“, wie man auch so schön sagt und beinahe schon vergisst, dass es auch sehr schöne deutsche Wörter, oder gar schweizerdeutsche Wörter gibt, die genau das Selbe, wenn nicht noch treffender, dann doch zumindest adäquat ausdrücken könnten. In diesem Fall würde ich zum Beispiel anstatt „back to topic“ einfach „ytem“ vorschlagen. Das ist zwar Berndeutsch, das tut aber nichts zur Sache, schliesslich sind die lieben Leute mit dem Bären im Wappen nun auch schon seit dem Jahre 1353 Teil der Eidgenossenschaft und haben es sich damit nun endlich doch auch ehrlich verdient, dass ein Urschweizer und Waldstätter wie ich, eines ihrer Wörter benützt: Ytem!

So als Kleinkind ist es ja noch erträglich, irgendwo hin tätowiert zu sein. Aber jetzt stellen wir uns so ein Kind in sechzehn Jahren vor:
Jetzt macht es also grad seine rebellische Phase durch, wird ein Punk oder so, was genug schwierig sein dürfte, denn um zu rebellieren muss man dann ja die ganzen Tatoos, die meine Generation auch unter dem kleinsten Zehennagel trägt, scheisse finden. Wie sehen also die Punks in sechzehn Jahren aus? Bereits heute tragen ja die Omas violette Haare! Tragen Punks dann gekämmte Haare, Anzüge und eine extra weiche Nivea-Creme-Haut? Egal, ich weiche schon wieder ab. Dieses heute geborenen Kind, ist dann also sechzehn, rebellisch, und grad so voll anti und so, will in den Ausgang, was natürlich zu einem Konflikt mit der alleinerziehenden Mutter führt (dann gibt es sowieso nur noch allein erziehende Müter, wobei das „erziehend“ vielleicht irgendwann weg fällt, weil die meisten Mütter ja bereits in ihrer rebellischen Phase Mütter werden und dann grad so anti sind, dass sie Erziehung voll Scheisse finden) und dann, in dem Moment wo das Wortgefecht mit ihr grad seinem Höhepunkt entgegen steuert, greift seine Mutter tief in die Trickkiste der bis dato von der Genfer Konvention nicht mit gemeinten psychologischen Kriegsführung, schluchzt einmal tief, zupft an ihrem T-Shirt, so dass der Ärmel nur ein bisschen zurück rutscht und in grossen, kunstvollen Buchstaben taucht der eigene Name, mit dem man ja schon genug gestraft ist, heisst man zum Beispiel Klothilde, Rolf oder Adelheid, auf und macht einem ein so richtig schlechte Gewissen. Toll!
Also ich bleibe dabei: Den einzigen Namen den ich mir tätowieren lassen würde, ist „Direct Raption“. Erstens für die Streetcredibility, zweitens als Druckmittel in Diskussionen mit Mephisto. Leider fehlt mir zurzeit das nötige Kleingeld. Für Spendenangebote, nehmt einfach mit mir Kontakt auf...

Soviel also zum Jahr 2008. Wenn ihr euch einen seriöseren Rückblick wünscht, dann wendet euch einfach an Topfchopf, der das doch ganz gut gemeistert hat (bis auf den Schluss des Videos, der ist ... naja).

Was mich persönlich angeht, so war das Jahr zu vielschichtig, um hier nochmals alles wieder zu geben. Ich wurde über krasse Mängel in Kenntnis gesetzt, wurde zwangsproletarisiert und arbeitete in der Fabrik des Weihnachtsmannes, ich habe mich von lieben Menschen getrennt und liebe Menschen kennen gelernt, ich habe mein erstes Soloprojekt realisiert, an dem mehr Leute beteiligt waren, als an allen meinen Projekten vorher, ich habe mich politisch stark gemacht und mit meinen Leuten in Luzern ein Referendum auf die Beine gestellt, ich wurde an einem neuen Arbeitsort herzlich aufgenommen und unterrichte jetzt Hip Hop... und ich habe an vielem mitgewirkt, dass erst nächstes Jahr Früchte tragen wird. Ich habe schon fast wieder einen Winter überstanden und ich schlage mich zurzeit verdammt gut.

Und was auch immer das Etappenziel für dieses Jahr war, ich glaube, es erreicht zu haben.
Und trotzdem bleibt keine Zeit um zu verschnaufen, denn es steht einiges an: noch die letzten Tage könnt ihr für mich am Kick Ass Award voten (SMS mit „3fach 18“ an 9292), morgen spielen wir mit den Antixetzler im KuZeB, und im Januar geht sowieso mehr als mir eigentlich lieb ist: Jedes Wochenende auf der Bühne... Puh, wenn ich danach mal nicht reich und berühmt bin, hab ich ja wohl echt was falsch gemacht.
Die letzten zwei Januarwochen sind wir ja mit den conchez connected no-stars auf Tour. Und das gesammelte Geld wird nicht irgendwo hin fliessen, sondern direkt aufs Konto unseres neuen Megaprojekts: Grosse Dinge zeichnen sich am Horizont ab, spätestens im April wisst ihr mehr. Also stay tuned, check diese Seite regelmässig und auch conchez-connection.ch und always remember: The world is a orange (Reniszenz!).
Lasst euch nicht verwirren von dem ganzen Silvester-Gehabe, der Jahreswechsel findet zur Wintersonnwende statt und die Welt geht eh unter...sagt Alpinilla.
brä!

Liebe und Wahnsinn

oli

29.12.2008